Aufzeichnungen aus einem nicht nennenswerten Leben

Freitag, 16. November 2012    09:09 Uhr 

Ein neuer Tag, ein neues Heft, die alte, fortwährende Traurigkeit. Mein Kopf schmerzt furchtbar, meine ganze rechte Seite auch. Ich habe nichts zu sagen. Wut über Ungerechtigkeiten. War schon immer ein treibender Motor. Sie hat mich schon manchen Kampf ausfechten lassen, mich zur Furie werden lassen. Die betroffenen Menschen sind dann völlig schockiert, kennen sie mich sonst doch als sanftes, wenn auch selbstbewusst auftretendes Wesen. Sie sind entsetzt über die Wucht meiner Reaktionen, über die Härte, die ich plötzlich an den Tag legen kann. Sie werden kleinlaut, wollen mit sich reden lassen, zeigen Kompromissbereitschaft. Während ich auf den Absatz mich drehe, und gehe.

Sonntag, 18. November 2012  15:01 Uhr

Noch einen Kaffee… Ich weiß nicht, ob er mir bekommen wird. Der Kaffee aus der Bäckerei war schon ziemlich stark. Aber irgendetwas muss ich ja konsumieren in diesem öffentlichen Lokal, der Kakao ist ungenießbar, und auf Tee oder Wasser habe ich nun wirklich keine Lust. Noch einen Sonntag in stiller Einsamkeit. Ich spüre keine Nähe. Zu niemandem. So schwebe ich dahin, bei Tag, und schwinde dahin, bei Nacht. Seltsam… Das Herz wiegt schwer in der Brust, dabei ist es zur Zeit nicht mehr, als eine leere Hülle. Keine Liebe. Nichts von dem, was ich tue, gefällt mir. Nichts von dem, was ich bin finde ich auch nur annehmbar. Es ist ein täglicher Kampf, mit mir selbst immer wieder aufs Neue Freundschaft zu schließen. Gestern Nacht hatte ich das Bedürfnis, etwas zu lesen, um den Hunger meines Gehirns zu stillen, wenn schon der Hunger meines Magens nicht zu stillen ist. Aber die Erschöpfung war zu groß. Ich konnte mich nicht aufraffen, aufzustehen und ein Buch auszusuchen. Heute Morgen dann, verließ ich das Bett mit der Lust, mein Bild “Die Haar-Kaskade I” endlich auf Großformat zu bringen. Unter der Dusche sah ich mich dabei, wie ich zeichnete. Ich fühle mich unberührbar. Ein Herz, das nicht liebt, altert schnell. Die Sonne findet das Gesicht eines lieblosen Menschen nicht. Man verlernt das Lächeln, die Gesichtszüge werden härter und dunkle Schatten fangen die Blicke eines jeden Gegenübers ein. Man versinkt darin, wie in einem grauen See, und spürt den plötzlichen Impuls, weg schwimmen zu müssen. Man folgt ihm auch, meistens, und lässt die schattigen Gesichter hinter sich… Man sieht sie selbst in dem Spiegel, man schaut darin, in die dunklen Schatten, und es ist, als schaute man in ein offenes Grab, darauf wartend, jeden Augenblick hineinzufallen. Welche Ironie: Hier zu sitzen, Kaffee zu trinken und ein Dessert zu essen, dabei an den inneren Tod denkend. Ob es an diesem tristen deutschen Wetter liegt, dass man sich so traurig fühlt? Ich sehe andere Menschen um mich, ich sehe sie an, ich höre sie. Sie sprechen und lachen und essen und trinken. Ob jemand von ihnen während dessen auch an den Tod denkt? Wer kann es schon wissen… Die Gedanken sind bedeckt von Hirnmasse und Schädelknochen, von Haut und Haaren. Aufbewahrt, wie der größte Schatz, wie das schrecklichste Geheimnis. Niemand kann auf Gedanken verzichten, oder sie loslassen. Die Fähigkeit zu Denken ist unser größtes Gut und zugleich eine Verdammnis. Wir fangen an zu denken gleich nach der Geburt, vielleicht auch schon im Mutterleib, und können nicht mehr damit aufhören, bis zum letzten Tag.   

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