Sonntag, 22. September

Mein geliebter Armand, die Zeit steht still…                                                                             Ich schaue in die Dunkelheit, die außerhalb meiner Wände sich über die Welt ausbreitet und habe das Gefühl, darin zu versinken. Alles schwebt, in mir und um mich herum. Mir fehlen die Worte und die Gedanken wollen mir nicht gehören. Sie fliehen irgendwohin, wo es mir nicht gelingen will, sie einzufangen und als Teil von mir zu fühlen. Es herrscht völlige Leere in meinem Kopf. Selbst mein Gesicht entfernt sich von mir und gibt mir ein Bild meiner selbst, das ich hasse und nicht sehen will, weil es mir nicht ähnelt. Es gehört vielmehr einem fremden Wesen, das sich wieder einmal verirrt hat, in seiner Unfähigkeit, es allen anderen gleich zu tun und zu schweigen, seinen Stolz und seine Würde mit Füßen treten zu lassen und so zu tun, als sei es so normal, als sei es der Preis für die halbwegs sichere Existenz. So sehr ich mich um Reue bemühe, ich spüre sie nicht. Das richtige Handeln hatte schon immer seinen Preis. Aber ebenso das falsche Handeln fordert seinen Preis ein. Und diesen Preis war ich nie in der Lage, für lange Zeit zu zahlen. Früher oder später holt es mich ein, der verletzte Stolz, der drohende Verlust einer Würde, die das einzige Gut ist, das ich besitze, denn mehr als meine Würde besitze ich nicht. Aber dieses Gut verteidige ich wie ein wildes Tier sein Überleben, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Armand, Du tadelst mich nicht, ich weiß, Du verstehst mich. Du weißt zu gut von diesem Hang zum Rebellischen, den ich nie ablegen kann. Fortwährend sehe ich meine Freiheit bedroht, ganz gleich in welchem Lebensbereich. Ich bin immer auf der Flucht, so scheint mir… Auch vor Dir, mein naher und ferner Freund, auch vor Dir. Und Du erträgst es, erträgst mich. Schweigst, weil ich nicht in der Lage bin, zu sprechen, weil mir die Geduld fehlt, zu zuhören und zu kommentieren, mitzudenken und zu entscheiden, was zu sagen sei zu diesem oder jenem. Wohin magst Du schauen in diesem Augenblick, da ich beinahe nur halbherzig an Dich denke? Ob Du es spürst, wie er mich weg treibt, dieser Strom, der mich entgegen meiner Wunschrichtung lenken will? Und ich möchte fast loslassen,  mich einfach treiben lassen. Ganz gleich wohin.                                                                                                                                                                                           Denke nicht an mich.                                                                                                           Deine Camille                                                                                                                                       

 

Donnerstag, 30. Mai

Armand, Du hast mich verstanden! Nun ist der Austausch unserer Gedanken auf dem Niveau einer Vertrautheit, die ich lange schon mit Dir anstrebe. Wir sind einen kleinen Schritt weiter aufeinander zugegangen. Ich mit ein wenig Herzklopfen, und Du? Wahrscheinlich mit dem klaren Verstand, den ich so sehr an Dir schätze, der mir selber immer wieder abhanden geht, da mein Temperament stets die Oberhand behält über das, was in mir vorgeht, wenn ich an Dich denke und wenn ich zu Dir spreche, in Deiner Anwesenheit sowie in Deiner Abwesenheit. Und hier, auf diesen feinen Buchstaben-Sequenzen, die mir Leben bedeuten, hüpfe ich von Wort zu Wort, wie von Stein zu Stein, darauf achtend, nicht in die leeren Abständen zwischen dem einen Wunder und dem Anderen zu versinken. Denn das sind sie für mich, die geheimnisvollen Zeichen, die ich verwende, um Dir Einblick in meine Welt zu verschaffen. Kleine Wunder die große Einsichten gestatten. Der Wahrheit immer ein Stückchen näher, bis das Bild vollständig ist. Und während Du sie liest und daraus ein Bild in Deinem Kopf malst, das ich nicht sehen kann, laufe ich leichten Fusses davon und lasse Dich allein, mit Dir und mit mir. Bis die nächste Sequenz kommt und Du entdeckst, dass das Bild plötzlich ein anderes ist, als es den Anschein hatte. So sind die Wogen der Innenwelt, immer in Bewegung, immer in Aufruhr, immer von anderer Farbigkeit. Unstetig, wie ich selbst es bin, und ruhelos wie eine stürmische offene See. Ich möchte niemals ankommen, Armand… Davor fürchte ich mich am meisten: Eines Tages am Gefühl zu zerbrechen, nichts mehr zu haben, wonach ich suchen will. Es ist nicht essenziell, zu finden. Auf der Suche zu sein ist das wahre Leben. Die Neugier  lebendig zu halten, “die” Sehnsucht zu spüren, die uns unaufhaltsam immer weiter nach oben treibt.

Ich umarme Dich                                                                                                                 Deine unruhige Camille                                                                                                                                                                                                                                 

 

Donnerstag, 6. Mai

Mein lieber Armand, ich sitze auf der  Terrasse unseres kleinen Cafés an der Ecke. In den warmen Sonnenstrahlen dieses Mai-Abends schauend, lasse ich mich gern blenden, mich durch das Licht zwingen, die Augen zu schließen. Nur die Geräusche der Straße stören diesen ruhigen Augenblick, in dem ich über “Rilkes Briefe über Cézanne” nachsinne und den Schlüssel zum geheimen Tor, das zu meinem Glück führen soll, noch immer suche. Sein Leben ganz und vorbehaltlos der Kunst widmen, heißt es darin. Wie oft hast Du versucht, mein Armand, mich dieser Wahrheit einsichtig werden zu lassen. Während ich den Weltpflichten  hinterher jagte und dabei mein Herz verspielt und beinah ganz verloren habe. Deine ruhige feste Stimme erklingt mir im Ohr, häufiger denn zuvor, nun, da auch ich, wenngleich reichlich spät, diese Wahrheit erkenne und ihre  Klarheit  mich zutiefst erschreckt. Ich brauche Dich hier bei mir, um in Deinen Blicken erkennen zu können, dass es richtig und gut für mich ist, diesen einen einzigen Weg zu gehen. Ihn jeden Tag zu gehen. Koste es, was es wolle? Ja, Du würdest energisch sagen: Koste es was, es wolle!  Zuviel der Zeit wurde schon vergeudet. Auf der Suche muss der Mensch ja irgendwann finden, wonach er sucht. Und das kann der Mensch  nicht, wenn er seine Suche ständig unterbricht, um der Welt und ihren Gesetzen zu folgen, statt der Stimme seines Herzens. Wie gut, Dich dort zu wissen, wo Du jetzt bist, Armand.  Was für  ein Glück, Dir sagen zu können, was gesagt werden muss. Was für ein Segen, Dich sagen hören zu können, was gesagt werden muss. Mein kluger, guter, lieber Freund. Ein leiser Freund bist Du, auf deine Weise, bis es Zeit ist, zu sprechen. Also, sprich!  Ich warte darauf.

Innig  umarme ich Dich, Armand

Deine Camille   

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Aufzeichnungen aus einem nicht nennenswerten Leben

Freitag, 16. November 2012    09:09 Uhr 

Ein neuer Tag, ein neues Heft, die alte, fortwährende Traurigkeit. Mein Kopf schmerzt furchtbar, meine ganze rechte Seite auch. Ich habe nichts zu sagen. Wut über Ungerechtigkeiten. War schon immer ein treibender Motor. Sie hat mich schon manchen Kampf ausfechten lassen, mich zur Furie werden lassen. Die betroffenen Menschen sind dann völlig schockiert, kennen sie mich sonst doch als sanftes, wenn auch selbstbewusst auftretendes Wesen. Sie sind entsetzt über die Wucht meiner Reaktionen, über die Härte, die ich plötzlich an den Tag legen kann. Sie werden kleinlaut, wollen mit sich reden lassen, zeigen Kompromissbereitschaft. Während ich auf den Absatz mich drehe, und gehe.

Sonntag, 18. November 2012  15:01 Uhr

Noch einen Kaffee… Ich weiß nicht, ob er mir bekommen wird. Der Kaffee aus der Bäckerei war schon ziemlich stark. Aber irgendetwas muss ich ja konsumieren in diesem öffentlichen Lokal, der Kakao ist ungenießbar, und auf Tee oder Wasser habe ich nun wirklich keine Lust. Noch einen Sonntag in stiller Einsamkeit. Ich spüre keine Nähe. Zu niemandem. So schwebe ich dahin, bei Tag, und schwinde dahin, bei Nacht. Seltsam… Das Herz wiegt schwer in der Brust, dabei ist es zur Zeit nicht mehr, als eine leere Hülle. Keine Liebe. Nichts von dem, was ich tue, gefällt mir. Nichts von dem, was ich bin finde ich auch nur annehmbar. Es ist ein täglicher Kampf, mit mir selbst immer wieder aufs Neue Freundschaft zu schließen. Gestern Nacht hatte ich das Bedürfnis, etwas zu lesen, um den Hunger meines Gehirns zu stillen, wenn schon der Hunger meines Magens nicht zu stillen ist. Aber die Erschöpfung war zu groß. Ich konnte mich nicht aufraffen, aufzustehen und ein Buch auszusuchen. Heute Morgen dann, verließ ich das Bett mit der Lust, mein Bild “Die Haar-Kaskade I” endlich auf Großformat zu bringen. Unter der Dusche sah ich mich dabei, wie ich zeichnete. Ich fühle mich unberührbar. Ein Herz, das nicht liebt, altert schnell. Die Sonne findet das Gesicht eines lieblosen Menschen nicht. Man verlernt das Lächeln, die Gesichtszüge werden härter und dunkle Schatten fangen die Blicke eines jeden Gegenübers ein. Man versinkt darin, wie in einem grauen See, und spürt den plötzlichen Impuls, weg schwimmen zu müssen. Man folgt ihm auch, meistens, und lässt die schattigen Gesichter hinter sich… Man sieht sie selbst in dem Spiegel, man schaut darin, in die dunklen Schatten, und es ist, als schaute man in ein offenes Grab, darauf wartend, jeden Augenblick hineinzufallen. Welche Ironie: Hier zu sitzen, Kaffee zu trinken und ein Dessert zu essen, dabei an den inneren Tod denkend. Ob es an diesem tristen deutschen Wetter liegt, dass man sich so traurig fühlt? Ich sehe andere Menschen um mich, ich sehe sie an, ich höre sie. Sie sprechen und lachen und essen und trinken. Ob jemand von ihnen während dessen auch an den Tod denkt? Wer kann es schon wissen… Die Gedanken sind bedeckt von Hirnmasse und Schädelknochen, von Haut und Haaren. Aufbewahrt, wie der größte Schatz, wie das schrecklichste Geheimnis. Niemand kann auf Gedanken verzichten, oder sie loslassen. Die Fähigkeit zu Denken ist unser größtes Gut und zugleich eine Verdammnis. Wir fangen an zu denken gleich nach der Geburt, vielleicht auch schon im Mutterleib, und können nicht mehr damit aufhören, bis zum letzten Tag.   

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