Donnerstag, 30. Mai

Armand, Du hast mich verstanden! Nun ist der Austausch unserer Gedanken auf dem Niveau einer Vertrautheit, die ich lange schon mit Dir anstrebe. Wir sind einen kleinen Schritt weiter aufeinander zugegangen. Ich mit ein wenig Herzklopfen, und Du? Wahrscheinlich mit dem klaren Verstand, den ich so sehr an Dir schätze, der mir selber immer wieder abhanden geht, da mein Temperament stets die Oberhand behält über das, was in mir vorgeht, wenn ich an Dich denke und wenn ich zu Dir spreche, in Deiner Anwesenheit sowie in Deiner Abwesenheit. Und hier, auf diesen feinen Buchstaben-Sequenzen, die mir Leben bedeuten, hüpfe ich von Wort zu Wort, wie von Stein zu Stein, darauf achtend, nicht in die leeren Abständen zwischen dem einen Wunder und dem Anderen zu versinken. Denn das sind sie für mich, die geheimnisvollen Zeichen, die ich verwende, um Dir Einblick in meine Welt zu verschaffen. Kleine Wunder die große Einsichten gestatten. Der Wahrheit immer ein Stückchen näher, bis das Bild vollständig ist. Und während Du sie liest und daraus ein Bild in Deinem Kopf malst, das ich nicht sehen kann, laufe ich leichten Fusses davon und lasse Dich allein, mit Dir und mit mir. Bis die nächste Sequenz kommt und Du entdeckst, dass das Bild plötzlich ein anderes ist, als es den Anschein hatte. So sind die Wogen der Innenwelt, immer in Bewegung, immer in Aufruhr, immer von anderer Farbigkeit. Unstetig, wie ich selbst es bin, und ruhelos wie eine stürmische offene See. Ich möchte niemals ankommen, Armand… Davor fürchte ich mich am meisten: Eines Tages am Gefühl zu zerbrechen, nichts mehr zu haben, wonach ich suchen will. Es ist nicht essenziell, zu finden. Auf der Suche zu sein ist das wahre Leben. Die Neugier  lebendig zu halten, “die” Sehnsucht zu spüren, die uns unaufhaltsam immer weiter nach oben treibt.

Ich umarme Dich                                                                                                                 Deine unruhige Camille