Donnerstag, 6. Mai

Mein lieber Armand, ich sitze auf der  Terrasse unseres kleinen Cafés an der Ecke. In den warmen Sonnenstrahlen dieses Mai-Abends schauend, lasse ich mich gern blenden, mich durch das Licht zwingen, die Augen zu schließen. Nur die Geräusche der Straße stören diesen ruhigen Augenblick, in dem ich über “Rilkes Briefe über Cézanne” nachsinne und den Schlüssel zum geheimen Tor, das zu meinem Glück führen soll, noch immer suche. Sein Leben ganz und vorbehaltlos der Kunst widmen, heißt es darin. Wie oft hast Du versucht, mein Armand, mich dieser Wahrheit einsichtig werden zu lassen. Während ich den Weltpflichten  hinterher jagte und dabei mein Herz verspielt und beinah ganz verloren habe. Deine ruhige feste Stimme erklingt mir im Ohr, häufiger denn zuvor, nun, da auch ich, wenngleich reichlich spät, diese Wahrheit erkenne und ihre  Klarheit  mich zutiefst erschreckt. Ich brauche Dich hier bei mir, um in Deinen Blicken erkennen zu können, dass es richtig und gut für mich ist, diesen einen einzigen Weg zu gehen. Ihn jeden Tag zu gehen. Koste es, was es wolle? Ja, Du würdest energisch sagen: Koste es was, es wolle!  Zuviel der Zeit wurde schon vergeudet. Auf der Suche muss der Mensch ja irgendwann finden, wonach er sucht. Und das kann der Mensch  nicht, wenn er seine Suche ständig unterbricht, um der Welt und ihren Gesetzen zu folgen, statt der Stimme seines Herzens. Wie gut, Dich dort zu wissen, wo Du jetzt bist, Armand.  Was für  ein Glück, Dir sagen zu können, was gesagt werden muss. Was für ein Segen, Dich sagen hören zu können, was gesagt werden muss. Mein kluger, guter, lieber Freund. Ein leiser Freund bist Du, auf deine Weise, bis es Zeit ist, zu sprechen. Also, sprich!  Ich warte darauf.

Innig  umarme ich Dich, Armand

Deine Camille   

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